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Brexit: ETIAS und biometrische Kontrollen – UK erwartet Verkehrschaos

| von Michael Sprick

Schon jetzt kam es seit dem Brexit immer wieder zu Verkehrsproblemen zwischen dem Vereinigten Königreich und Frankreich. Mit den biometrischen Kontrollen im Rahmen von ETIAS dürfte das Problemnoch extremer werden.


Brexit: ETIAS und biometrische Kontrollen UK erwartet Verkehrschaos
Stau. Bildnachweis: Unsplash / Kathy

Bahn-, Fähren- und Eurotunnel-Passagiere, die zwischen dem Vereinigten Königreich und Frankreich reisen, könnten im nächsten Jahr ein Chaos erleben, wenn das seit langem geplante Einreise-/Ausreisesystem (EES) der EU eingeführt wird. Dieses sieht biometrische Kontrollen für Nicht-EU-Bürger vor, die in den Schengen-Raum einreisen, wie The Independent berichtet.

Neues Visumsystem umfasst Biometrische Kontrollen

Verkehrsexperten erklärten vor dem Justiz- und Innenausschuss des britischen Oberhauses, dass das System, das mit dem elektronischen Visumsystem ETIAS zusammenhängt. Die EU hat dieses für Fluggesellschaften und nicht für den Landweg-Verkehr konzipiert.

Das EES wurde entwickelt, als das Vereinigte Königreich noch Mitglied der Europäischen Union war, also vor dem EU-Referendum 2016. Einreisende aus Nicht-EU-Ländern unterliegen bald jedoch Anforderungenfür die Erfassung biometrischer Daten. Nach der Entscheidung für den Austritt unterliegt das Vereinigte Königreich den gleichen Anforderungen, womit ein Verkehrschaos droht.

Einführung wird Komplikationen mit sich bringen

Jedoch steht noch nicht eindeutig fest, wann die Kontrollen zur Pflicht werden. Der Zeitplan sieht vor, dass die Kontrollen ab Mai 2022 verpflichtend werden. Es gibt jedoch bereits Einschätzungen, dass sich die Einführung bis zum Ende des Jahres verschieben wird.

Tim Reardon, Leiter der Abteilung EU-Austritt bei der Hafenbehörde von Dover, sagte dazu: „Die Herausforderung in unserem Kontext besteht darin, dass in all den Umgebungen, in denen derzeit biometrische Kontrollen stattfinden – sei es ein E-Gate oder ein Fingerabdrucklesegerät oder früher ein Irisscanner, den die britischen Behörden hatten – die Personen die Grenze einzeln und zu Fuß passieren.“

„In unserem Kontext überquert praktisch jeder die Grenze in einem Fahrzeug und in einer Gruppe. Es gibt kein E-Gate für ein Auto und auch kein E-Gate-Verfahren für Personen, die in einer Gruppe reisen. Das sind alles Einzelprozesse.“

EU-Gesetzgeber konzipierten Kontrollen für Flughäfen

Grundsätzlich besteht das Problem also darin, dass die Vorschriften für den regulären Flugverkehr gedacht sind. Dort sind sie nur ein weiterer Schritt bei den Routine-Vorkehrungen samt Scans und Taschenkontrollen. Bei jeglichem Land- und Schiffsverkehr fehlt es aber an jeglicher Infrastruktur, um solche Kontrollen schnell und effektiv durchführen zu können. Derzeit müssten die Behörden dazu alle Fahrgäste im Straßenverkehr aus ihren Fahrzeugen holen und einzeln scannen. Reardon kommentiert dazu:

„Das ist das Einzige, was an unserer Stelle nicht möglich ist, weil man sich mitten im laufenden Verkehr befindet. Das wäre so, als würde man die Leute an einer Autobahnmautstelle bitten, aus ihrem Auto auszusteigen. Das ist grundlegend unsicher und kann nicht passieren.

John Keefe, Direktor für öffentliche Angelegenheiten bei Getlink, dem Betreiber des Eurotunnel-Shuttles zwischen Folkestone und Calais, sagte: „Jede Unterbrechung der französischen Einreisekontrolle hat sofortige Auswirkungen auf den Verkehr innerhalb von Minuten.

„Wir befördern jedes Jahr 11 Millionen Fahrgäste, die meisten davon in der Ferienzeit.An einem Spitzentag im Sommer würden wir etwa 600 Autos pro Stunde befördern, also etwa 2.400 bis 2.500 Passagiere. Wir rechnen mit 1.600 bis 1.700 Fahrgästen pro Stunde, die zum ersten Mal abgefertigt werden müssen.“

„Das ist eine unmögliche Aufgabe in dem uns zur Verfügung stehenden Raum. Die Gefahr von Staus besteht für unsere Autobahnen, die M20, die A20 und die A2. Sobald all diese Gebiete überlastet sind, wird Kent unpassierbar.“

Auch Zugverkehr wird auf Probleme stoßen

Der Eurostar, der Passagierzüge zwischen London St. Pancras und Paris, Brüssel und Amsterdam betreibt, hat mit Platzproblemen an seinem britischen Drehkreuz zu kämpfen.

Gareth Williams, der Strategiedirektor des Zugbetreibers, sagte: „Das kommt schnell auf uns zu, und zwar auf eine sehr unterentwickelte Art und Weise. Wir sehen derzeit keine praktische Lösung. In der Spitzenstunde im August müssen bis zu 80 Prozent der Fahrgäste das System durchlaufen.“

„In einer Spitzenstunde im August haben wir 1.800 Passagiere. Etwa 1.500 davon müssten das EES durchlaufen, von denen 830 zum ersten Mal reisen würden. Wir haben ein sehr großes Platzproblem. Wir bräuchten mindestens 30 Stellen und eine Fläche, die etwa so groß ist wie unser gesamter Check-in-Bereich in St. Pancras.“

Michael Sprick
Autor:

Micha ist ein Work-and-Travel-Enthusiast. Im Tourismus hat er als Stadtführer in Brüssel und Köln gearbeitet. Mit Reiseuhu News verbindet er seine beiden Leidenschaften Reisen und Journalismus.

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