Reisenews » Eurostar: Frankreich und England befinden sich weiterhin am Pokertisch

EurostarFrankreich News

Eurostar: Frankreich und England befinden sich weiterhin am Pokertisch

| von Michael Sprick

Die Zukunft vom Eurostar ist weiterhin ungewiss. Frankreich und England sehen den jeweils anderen in der Pflicht und pokern damit hoch.


Eurostar: Frankreich und England befinden sich weiterhin am Pokertisch

Seit 1994 verbindet der Eurostar England mit Frankreich und später auch mit Belgien. In den letzten Jahren gab es Pläne das Eurostar-Netzwerk mit Köln, Frankfurt und Rom sogar weiter stark auszubauen. Doch seit Aufkommen der Corona-Krise sind nicht nur die Zukunft dieser Pläne, sondern auch die Zukunft des Eurostars selbst ungewiss.

Eurostar – ein britisches Unternehmen in französischer Hand?

Augenscheinlich schien der Eurostar schon immer ein britisches Projekt gewesen zu sein. Der englische Name, Sicherheitschecks wie an einem Flughafen und spätestens seitdem Brexit Zollkontrollen haben dafür gesorgt, dass der Eurostar sich von allen Zügen im Rest Europas unterschied – weil er eben zu England gehört.

Allerdings ist das de facto nicht so. Der Mehrheitsanteil des Eurostars gehört nämlich dem französischen Bahnunternehmen SNCF zu 55%. Die restlichen Anteile gehen an eine Bank aus Quebec (CDPQ; 30%), Hermes Infrastructure (10%) und zu 5% der belgischen Bahn (NMBS/SNCB). Das Vereinigte Königreich verkaufte seine Anteile (40%) dagegen schon 2015. So hat auch der britische Verkehrsminister Grant Shapps darauf hingewiesen, dass “wir das Unternehmen nicht retten müssen”. 

Auf der anderen Seite sehen die Franzosen, dass die größeren Vorteile am Eurostar eigentlich Großbritannien hat. Mitten in der Corona-Krise und erst kurz nachdem der Brexit rechtlich umgesetzt wurde, ist die Zukunft des Eurostars also zum Politikum geworden. Die Pandemie hat dafür gesorgt, dass das Passagieraufkommen des Eurostars Berichten zufolge um 95% gesunken ist.

Es wird hoch gepokert – und es geht um viel

Für viele Staaten ist es selbstverständlich, sie zu retten. Wie zum Beispiel bei der Bundesrepublik und der Lufthansa, die dem größten Flugunternehmen des Landes zuletzt 9 Mrd. Euro an sogenannter Corona-Hilfe zusicherte. Allerdings ist das bei einem internationalen Unternehmen wie der Eurostar Ltd. nicht so einfach.

Der Nutzen für Großbritannien ist schwer gegenüber dem konkreten Profitinteresse der SNCF abzuwägen. Augenscheinlich scheint letztere tatsächlich in der schlechteren Verhandlungsposition zu sein. Shapps pokert vermutlich mit seiner Aussage und will die Kosten für das Vereinigte Königreich gering halten.

Zu groß ist der Nutzen für Europa, das nachhaltige Alternativen für den Flugverkehr fördern und erhalten und nicht verringern will. Zu groß wird auch der Nutzen für Frankreich und England sein, sobald Reisen wieder im halbwegs normalen Stil möglich sein werden. Zuletzt dürfte sich auch der britische Verkehrsminister Shapps der negativen Symbolkraft der Auflösung des Eurostars sein: “Großbritannien schottet sich ab – jetzt auch im Schienenverkehr.”


Auch in Le Monde wird vermutet, dass sich beide Parteien doch noch einig werden. Da heißt es:

Eurostar sera sauvé mais, comme pour le Brexit, il faudra attendre la dernière minute.

(Der Eurostar wird gerettet, aber – wie beim Brexit – muss man bis zur letzten Minute warten.)

Erhalte jeden Tag alle Neuigkeiten:
Michael Sprick
Autor: Michael Sprick

Micha ist ein Work-and-Travel-Enthusiast. Im Tourismus hat er als Stadtführer in Brüssel und Köln gearbeitet. Mit Reiseuhu News verbindet er seine beiden Leidenschaften Reisen und Journalismus.